Oper und Handwerk gehören zusammen

 

Ansprache von Peter P. Pachl beim »Abend der Begegnung« im Haus des Deutschen Handwerks, ZDH Berlin, 8. September 2005

Guten Abend, meine Damen und Herren aus Handwerk, Politik und Musik, zu diesem »Abend der Begegnung«, für dessen musiktheatrale Auswahl das pianopianissimo musiktheater verantwortlich zeichnen darf, nachdem wir vor fünf Jahren gemeinsam die Feierlichkeiten zur Zentenarfeier der Handwerksorganisationen und zum Jubiläum 50 Jahre Zentralverband des Deutschen Handwerks ausgerichtet haben.

Im Juni 2000 bildete die Festwiese aus Richard Wagners »Die Meistersinger von Nürnberg« auf dem Gendarmenmarkt den künstlerischen Höhepunkt. Im Juni des Vorjahres war die Fernsehaufzeichnung dieser Festwiese erstmals in Arte zu erleben.

Und auch heute darf Richard Wagners 1869 in München uraufgeführte Handwerker-Oper im Programm nicht fehlen. Sie bildet den Auftakt mit der Schusterstube, der Begegnung des Schuhmachers und Poeten Hans Sachs, des Goldschmied-Töchterleins Eva Pogner und des fränkischen Adligen Walter von Stolzing, der eben mit Erfolg seine Immobilie verkauft und damit auch etwas für die Ankurbelung des Bauhandwerks geleistet hat.

Richard Wagner, der sich selbst »Meister« nannte und von seinen Anhängern noch heute so genannt wird, sagt:

  • »Ist nun aber der unmittelbare Zweck des Handwerkers nur die Befriedigung eines eigenen Bedürfnisses, z.B. die Herstellung seiner eigenen Wohnung, seiner eigenen Geräthschaften, Kleidung u.s.w., so wird ihm mit dem Behagen an den ihm verbleibenden nützlichen Gegenständen allmählich auch Neigung zu einer solchen Zubereitung des Stoffes, wie sie seinem persönlichen Geschmacke zusagt, eintreten; nach der Herstellung des Nothwendigsten wird daher sein auf weniger drängende Bedürfnisse gerichtetes Schaffen sich von selbst zu einem künstlerischen erheben.«

Und an anderer Stelle:

  • »Die griechische öffentliche Kunst war eben Kunst, die unsrige — künstlerisches Handwerk.«


»Die Meistersinger von Nürnberg« von Richard Wagner, aus dem 3. Aufzug:
Hans Sachs — Eva — Walther von Stolzing


Wohl nur Wenigen bekannt ist die Tatsache, dass Richard Wagners Werke in Wien durch den Walzerkönig Johann Strauß populär wurden. Etwa den »Lohengrin« spielte Strauß in Cafehäusern auf seiner Geige, bis die Wiener begierig wurden, diese Oper in ihrer Gänze zu erleben. 

Richard Wagner erinnert sich an eine

  • »an Raserei grenzende Begeisterung des wunderlichen Johann Strauß. Dieser Dämon des Wiener musikalischen Volksgeistes erzitterte beim Beginn eines neuen Walzers wie eine Pythia auf dem Dreifuß, und ein wahres Wonnegewieher des wirklich mehr von seiner Musik als von den genossenen Getränken berauschten Auditoriums trieb die Begeisterung des zauberischen Vorgeigers auf eine für mich fast beängstigende Höhe.«

Auch in den zahlreichen Bühnenwerken des Walzerkönigs Johann Strauß spielen Handwerker häufig eine wichtige Rolle. So in der Operette »Eine Nacht in Venedig« der Meisterkoch Pappacoda und der Friseur Caramello — ergänzt durch die Fachhändlerin Annina.


»Eine Nacht in Venedig«
von Johann Strauß, Duette aus dem 2. und 1. Akt:
Caramello — Pappacoda; Annina — Caramello


Meine Damen und Herren, bitte gestatten Sie mir ein Wort zur musikalischen Begleitung unserer theatralen Darbietung. Unser Dirigent Günter Lang hat die Originalpartituren arrangiert für ein Klavierquintett. Die vier Solobläser sind Mitglieder der Berliner Symphoniker. Dieses traditionelle Berliner Orchester wurde abgewickelt, aber einer kulturfeindlichen Politik zum Trotz hat es sich nicht unterkriegen lassen. Es lebt aus eigener Initiative weiter, es erntet unter seinem Chefdririgenten Lior Shambadal internationale Erfolge. Und wie es lebt! Wenn Sie heute 2 Holz- und 2 Blechbläser der Berliner Symphoniker hören, dann mögen Sie ahnen, wie großartig erst das volle Orchester klingt.

Beim Festkonzert 100 Jahre Handwerksorganisationen stand auch die Ouvertüre zu Daniel Francois Esprit Aubers komischer Oper »Maurer und Schlosser« auf dem Programm. Heute erleben Sie zwei weitere Ausschnitte aus dieser Oper. Der erste Akt der — im Jahre 1825 — in der Gegenwart angesiedelten Handlung spielt vor einem Gasthof in Paris. Der Offizier Leon erkennt im Maurer Roger, einem zufälligen Gast, seinen einstigen Lebensretter. Der zweite Akt spielt in einem von Türken gemieteten Schloss. Der Maurer Roger und der Schlosser Baptiste werden gekidnappt und von den Terroristen gezwungen, das Schloss in ein Gefängnis umzubauen. Aber am Ende gelingt die Befreiung der Gefangenen aus den Händen der Andersgläubigen.

Aubers Oper war überaus erfolgreich: im 19. Jahrhundert erreichte sie weit über 500 Vorstellungen, sie wurde ins Dänische, Schwedische, Polnische, Tschechische und Ungarische übersetzt. Aber nur in der deutschen Fassung, die 1826 in Berlin ihre Erstaufführung erlebte, hat Aubers Oper »Le Macon« zwei Handwerker im Titel »Maurer und Schlosser«.


»Maurer und Schlosser«
von Daniel Francois Esprit Auber (1782 — 1871),
Quartett aus dem 1. Akt und Duett aus dem 2. Akt:
Maurer Roger — Offizier Léon — Schlosser Baptiste — Frau Betrand.


Im Musiktheater gibt es zahlreiche weitere wunderbare Beispiele singender Handwerker. Insbesondere die Opern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts bieten Stoff für eine lange Reihe der Begegnungen von Handwerk und Gesang. Nun, vielleicht dürfen wir diese Reihe ja fortsetzen — und sehen uns im nächsten September wieder.

Kein Kunstwerk benötigt und integriert so viele Handwerksberufe, wie das Kunstwerk Oper: Schlosser, Schreiner, Tapezierer, Maler, Schneider, Friseure, Schuhmacher, Büchsenmacher, Goldschmiede, Hutmacher und Gürtler — ja, nehmen Sie noch die Kantine hinzu, auch Köche — sind fest verwurzelt in der Organisationsstruktur der institutionalisierten Musiktheater. Und deshalb sollten wir künftig noch enger zusammenarbeiten: Oper und Handwerk gehören zusammen!

Das erzählt auch Andrew Lloyd Webbers Musical aus dem Jahre 1985 »Das Phantom der Oper«.


»Das Phantom der Oper«
von Andrew Lloyd Webber (* 1948)
Duette Raoul — Christine und Phantom — Christine

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