Mozart als Sprechkomponist

 

Die »Bäsle-Briefe« als Kompositionen

»Die Zauberflöte«, »Don Giovanni«, »Die kleine Nachtmusik«, das »Requiem« … Das Köchel-Verzeichnis ist voll bekannter, beliebter und häufig aufgeführter Melodien.

 Mozarts Bäsle-Briefe als Kompositionen ?
Bei eingehender Beschäftigung mit der Person Mozarts, erkennt man aber, dass die Anzahl seiner Werke über den Inhalt des Köchel-Verzeichnisses hinausgeht. Auch die Bäsle-Briefe können im Lichte unserer Erfahrung als Partitur verstanden werden. Diese Erkenntnis erschließt sich vielleicht nicht beim ersten Lesen, aber spätestens bei der Rezitation dieser Briefe. Bereits der 21-jährige Mozart behandelt die Worte wie Musik, er spielt mit dem Sprachrhythmus und mit den Lauten und formt daraus geradezu Arien — ein Kompositionsverfahren, das erst im 20. Jahrhundert wieder zur Anwendung kam.

Die Idee, konkretes Klang- und Geräuschmaterial weiterzuverarbeiten, wurde in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts im italienischen Futurismus aufgegriffen, aber erst Pierre Schaeffer begründete 1945 die Emanzipation des Geräuschs. Weiter entwickelt wurde diese Kompositionspraxis in den 50ern durch Pierre Henris Resultatkompositionen. Auf dem Theater erscheint die Wiedergabe von Mozarts Bäsle-Briefen Samuel Beckett verwandt, dessen Sprechstil gleichermaßen musikalisch fundiert ist.

Auch die Bäsle-Briefe können als Resultatkompositionen angesehen werden, da auch hier der vorhandene Text erst durch Vortrag Musik wird. Ein gutes Beispiel dafür ist die Variationstechnik, die er für das Wort »Dreck« bildet (5. Bäsle-Brief). Wie bei Opernarien hält hier der Erzählfluss inne und steigert das Wort bis zur Ekstase. Mit Verwendung von Reimen baut Mozart Mikrostrukturen, die sich durch den ganzen Text ziehen. In einigen Briefen verwendet er Wiederholungszeichen, um einzelne Wörter oder ganze Sätze hervorzuheben. Diese Arbeitstechnik kennen wir aus der Arienform der Opera seria, mit zwei unterschiedlichen musikalischen Teilen, wobei der erste am Ende noch einmal wiederholt wird. Der Sprachfluss der Briefe enthält formal und in seiner Leichtigkeit auch tänzerische Elemente (4. Bäsle-Brief: »Hur sa sa, Kupferschmid«).

So gesehen sind die Bäsle-Briefe nicht nur ein Skandalon, sondern auch ein Beweis dafür wie weit Mozart seiner Zeit weit voraus war.

Amélie Pauli

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