Masse und Mystik

 

Am 23. Dezember 1911 erlebte die bislang aufwendigste Musiktheater-Produktion aller Zeiten in der Olympia Hall in London mit knapp 2000 Mitwirkenden vor rund 10.000 Besuchern ihre Uraufführung: Regisseur Max Reinhardt hatte Hundertschaften an Chören, Ballettgruppen und Komparserie, nebst namhaften Sänger-Darstellern und Orchester aufgeboten, um das vom Komponisten der Opern »Hänsel und Gretel« und »Die Königskinder« komponierte »Mirakel« einem Massenpublikum zu vermitteln.

Die vorweihnachtliche Pantomime basiert auf jener Legende von der Jungfrau Maria, die einer abtrünnigen Nonne die Freiheit gewährt und bis zur reuigen Rückkehr der Entlassenen deren Verpflichtungen im Kloster erfüllt.

Karl Vollmoeller

Karl Vollmoeller

Max Reinhardt

Max Reinhardt

Engelbert Humperdinck

Engelbert Humperdinck

Tatsächlich stellte sich für dieses Kunstwerk eine Breitenwirkung ein, wie sie später nur das Medium Film erreichte. »Das Mirakel« als Live-Darbietung war jahrelang ausverkauft und wartete mit immer wieder neuen szenischen Sensationen auf.

Nach der Londoner Uraufführung (Erstellungskosten: 1 Million Mark; mit Maria Carmi, der Gattin des Dichters Karl Vollmoeller als Madonna) faszinierte es breiteste Publikumsschichten, u.a. auch in Wien (Rotunde, zum Eucharistischen Kongress, 17. November 1912, Februar 1913 in der Volksoper), Leipzig (Alberthalle, September 1913), Frankfurt/Main (Festhalle), Karlsruhe (Hoftheater), Hamburg (15. Januar 1914, Zirkus Busch), Berlin (Zirkus Busch, 30. April 1914, sowie am 17. Dezember 1915 in der Neuen Freien Volksbühne am Bülowplatz, mit Mary Dietrich, Leopoldine Konstantin und Lothar Müthel) und auf Gastspielen in Russland. 1923 inszenierte Max Reinhardt »The Miracle« als amerikanische Erstaufführung im Century Theatre in New York; die Madonna spielte hier Lady Diana Manners, alternierend mit Maria Carmi, den Spielmann gab Werner Krauß. In New York brachte es »The Miracle« auf 298 Aufführungen, vor jeweils 10.000 Zuschauern; anschließend wanderte die Produktion mit 500 fest beschäftigten Mitwirkenden u.a. nach Cleveland, Cincinnati, Ohio, St. Louis und Chicago. Eine zweite USA-Tournee führte das Ensemble u.a. nach Philadelphia, San Francisco und Hollywood. Die benötigten Hundertschaften an Komparserie wurden jeweils vor Ort hinzu verpflichtet. In der USA lief »The Miracle« bis 1927. 1925 stand »Das Mirakel« auf dem Programm der Salzburger Festspiele.

Weitere Neuinszenierungen realisierte Max Reinhardt 1927 in Dortmund (Ausstellungshalle), mit Gastspielen in Wien (Zirkus Renz), Prag und Budapest, und 1932 im Lyceum Theatre in London, der sich eine Großbritannien-Tournee anschloss, u. a. mit Aufführungen in Edinburgh, Glasgow und Cardiff.

Die Theaterchronik verzeichnet insgesamt fünf deutlich unterschiedliche »Mirakel«-Inszenierungen von Max Reinhardt, mit fünf unterschiedlichen Ausstattern (u.a. mit Ernst Stern, Rudolf Dworsky, Bel Geddes, und Oskar Strnad), aber für beinahe jede Stadt veränderte Reinhardt, ersetzte oder ergänzte er die Szenenfolge, und Einar Nilson arrangierte die Themen von Humperdincks Musik, den szenischen Abfolgen entsprechend, neu.

»Das Mirakel« war auch einer der ersten Filmstoffe, der im Jahre 1912 sogar gleich zweimal für die Leinwand umgesetzt wurde: von dem in Berlin ansässigen rumänischen Regisseur Mime Misu und von Max Reinhardt selbst, vermutlich mit Ernst Lubitsch als Spielmann.

Im Gegensatz zu diesen zwei Verfilmungen haben sich Engelbert Humperdincks Partitur und das von Max Reinhardt bearbeitete Libretto Karl Vollmoellers erhalten.

Das pianopianissimo musiktheater nähert sich dem einstigen Massen-Kultstück ungewöhnlich, quasi von der entgegengesetzten Seite, nämlich kammermusikalisch: statt 1300 Darstellern und Sängern nur drei, statt 200 Mann Orchester zwei Instrumentalisten.

In die Pantomime integriert werden Engelbert Humperdincks Lieder »Romanze«, »Die Lerche«, »Klage«, »Wiegenlied«, »Komm herbei Tod« und »Weihnachten«.

Die zwischen Halbwelt und Himmelsvisionen pendelnde Geschichte wird in einer für das pianopianissimo musiktheater spezifischen Weise musiziert, gesungen und gespielt: als ein Theater zum Anfassen, das den Besucher in den Mittelpunkt des mystischen Abenteuers versetzt und zum Mitspieler macht — wie dies bereits Max Reinhardt beabsichtigte.

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